SNACKBREAK (7)

1.04.

Diesen Blogeintrag unter diesem Serientitel einzuordnen, mag unpassend klingen. Ich denke, dass Christian Frommert mit der Überschrift “Snackbreak” umgehen können wird. So heißt nun einmal hier die Kategorie für Einträge, in denen ich Themen veröffentliche, die mir mehr oder weniger on- oder offline über den Weg gelaufen sind und in der Regel leicht zu konsumieren sind.

Heute wird’s etwas schwerer verdaulich. Dazu gleich mehr.

Ursprünglich wollte ich nur ein paar Sätze über die Seiten 155-177 schreiben. In diesem Kapitel berichtet Christian Frommert in seiner ansonsten monothematischen Autobiografie “Dass iss halt was!” über seine Zeit als Kommunikationschef von Telekom/ T-Mobile über die Suspendierung von Jan Ullrich (2006), Patrik Sinkewitz (2007) und die Folgeerscheinungen. In der Post-Telekom-Radsport-Ära schildert Frommert in einem Absatz eine Situation vor der kleinen Untersuchungskommission an der Uni Freiburg. Dort musste Frommert am 11. Juni 2008 aussagen (s. 169). Ein halbes Jahr zuvor stieg sein Arbeitgeber als Sponsor im Radsport aus:

Als alles vorbei war, musste ich vor Ausschüsse und Untersuchungsgremien. Dort saßen Menschen, die nicht einmal rudimentär eine Ahnung davon hatten, was mein Job war, keinen Schimmer davon, wie ein Radteam funktionierte, wie die Infrastruktur rund um so ein Unternehmen aussah. Ohne jeglichen Aufklärungswillen stellten sie pflichtschuldig die falschen Fragen und wollten nur das eine: es lieber nicht so genau wissen. Die, die es treffen sollte, hatte es ja längst getroffen. Wieso als dran rühren? Das eigene Haus schön sauber halten. Am Ende müsste man ja vielleicht selbst noch eine Verantwortung übernehmen. Bloß nicht. Also bitte nur die halbe Wahrheit und nichts als die halbe Wahrheit.


Im Abschlussbericht der kleinen Kommission findet sich der Name Frommert anschließend nur zweimal. Einmal auf Seite 14:

Christian Frommert, ab 2005 Kommunikationschef von T-Mobile, formulierte das Verhältnis von Professor Schmid und Dr. Heinrich in seiner Aussage vor der Kommission am 11. Juni 2008 überzeugend wie folgt: „Ich habe immer gedacht, Lothar Heinrich ist der Chef von allem. Und dann gab’s immer noch so einen netten älteren Herrn (gemeint ist Professor Schmid), von dem ich gedacht habe, na ja, der ist ein Angestellter von Lothar Heinrich. Weil Lothar Heinrich natürlich auch nach außen immer so aufgetreten ist, dass er der Chef ist. Und dann hat mir irgendjemand mal gesagt, dass der nette ältere Herr der Chef von Lothar Heinrich ist.

Und auf Seite 58:

„Ich war der Mann vom Sponsor, man hat mir nicht vertraut. Ich habe nie einen Vertrag mit jemandem gesehen,….ich wurde ganz klar ferngehalten“. Als er dann angefangen habe zu fragen, wie es komme, dass überall gedopt werde, nur offenbar nicht beim Team T-Mobile, habe er generell die Antwort bekommen: „Ga- rant für sauberen Sport sei die Universität Freiburg“. Bei anderen Teams seien da wirklich Wald- und Wiesenärzte in irgendwelchen kleinen Wohncampingmobilen gewesen „und bei Telekom war die Universität Freiburg”. Hinsichtlich der professionellen Bedingungen ging er auch auf den Teambus ein: “Es war ein Bus, von dem Sie sagen: „Wow, schon irre“. Er sei immer sehr skeptisch gewesen, weil ein Außenstehender den Bus nie habe betreten dürfen. Das habe so irre Züge angenommen, dass René Obermann (damals Vorstandschef der T-Mobile International AG) bei einem Besuch des Teams während der Tour de France den Teambus nicht habe betreten dürfen, der Busfahrer habe ihm den Zutritt hartnäckig verwehrt.

Die falschen Fragen sollen sie Frommert gestellt haben. Was wären die richtigen Fragen gewesen? Welche Antworten hätten bei der Aufklärung geholfen?

Und das wäre er schon gewesen. Der Snackbreak Nummer Sieben.

snackbreak7

Aber dann habe ich über Ostern doch das ganze Buch gelesen und mich zum ersten Mal wirklich mit der Krankheit Magersucht beschäftigt.

Vielleicht wichtig: Ich kenne Christian Frommert noch nicht lange. Ein paar E-Mails gingen zwischen uns hin und her und einmal haben wir uns im Café getroffen. Dieser punktuelle Kontakt hat sich in den letzten ein bis zwei Jahren entwickelt. Davor nichts. Ich weiß also nicht, was er vor seiner Krankheit für ein Typ gewesen ist und nicht, wie er sich in den letzten Jahren auf Grund seiner Krankheit verändert hat.

Nach dem Buch kann ich Menschen ein wenig besser verstehen, die mit der Krankheit Anorexie leben. So bilde ich mir es jedenfalls ein. Also mache ich Werbung. Ohne Amazon Vergütung oder heimlichen Informationshandel unterm Journalistentisch: Wer Magersucht verstehen lernen möchte, dem seien die persönlichen Schilderungen von Christian Frommert empfohlen.

15,99€ als eBook. 19,99 Gebunden.
Amazon und direkt bei Mosaik.

Ich habe die 300 Seiten in zwei Tagen recht flott runtergelesen, spricht für den Schreibstil, wenn sich ein Buch trotz seiner schweren Thematik leicht liest. Es gibt ein paar Passagen, indem sich die Beschreibung Frommerts Gedankenwelt (Was essen? Wie viel? Wie abtrainieren? Warum nicht essen?…) wiederholt, fasst nervt. Für mich aber ok. Frommert unterstreicht damit seinen täglichen Kampf, verinnerlicht dem Leser seine wiederkehrende Gedankenwelt.

In den Bestseller-Listen liegen jede Menge überflüssige Bücher rum, die Themen aufgreifen, die schon längst im Mainstream angekommen sind und oft nur noch formuliert werden, da sie dank prominenter Autoren ihren Käufer finden. Burnout ist so ein überstrapaziertes Thema. Diese Bücher sind für mich nicht mehr lesbar. Was bringt es mir, wenn noch ein Manager, Politiker oder sonstiger Promi über seine Überlastung berichtet? Diese Erzählungen stillen maximal meine Neugier an gefühlt nahen, aber in der Realität sau fernen, Promi Schicksalen.

Magersucht bei Männern ist hingegen nicht angekommen in der Öffentlichkeit und Frommert (dürfen wir ihn Ex-Promi nennen?) gibt mir nicht das Gefühl, dass er durch seine Veröffentlichungen ein Comeback als Person in der Öffentlichkeit sucht.

Was mir besonders gefällt: Frommert spielt nicht den Lehrer, der dank Happy End die Welt vieler weiterer Magersüchtiger verändern möchte. Er ist Realist. Denn seine Krankheit ist (leider) weiterhin Realität, wenngleich er selbst von einer gesundheitlich positiven Entwicklung spricht. Trotzdem glaube ich, dass allein durch seine Offenheit andere Menschen davon profitieren können.

7 Kommentare zu "SNACKBREAK (7)"

  1. Ihr Kommentar trifft es sehr gut, finde ich. Ich möchte noch hinzufügen, dass ich die schonungslose Offenheit und Ehrlichkeit, die dem Buch diese ungewöhnliche Authentizität verleiht, besonders bewundernswert und mutig finde.


  2. Ich habe mich dem Buch noch nicht allzusehr nähern können. Vor Wochen habe ich in einem Cafe die Bild Zeitung in den Händen gehabt. Da waren Zeilen aus dem Buch von Christian Frommert zu lesen. Es sorgte für keinen Appetit auf mehr Lesezeit.

    Später sah ich das Buch am Wochende hier unten am Bodensee in der größten Buchhandlung vor Ort im Regal der Sportbuchliteratur aufgestellt. Habe dann jedoch in das Frommert Buch noch nicht einmal hineingeschaut. Da ich Bücher in der Regel verschlinge, war ich selbst überrascht von meiner Nichtbeachtung der Neuerscheinung.

    Nach Deinen Zeilen werde ich das Buch beim nächsten Gang in die Buchhandlung in die Hand nehmen.


  3. Hallo Jonathan, bringst Du hier im Blog demnächst auch was vom Prozess Schumacher/Holzcer aus Stuttgart? Er läuft ja schon seit letzter Woche. Nächste Woche stellen die Anwälte von Stefan Schumacher dem ehemaligen Gerolsteiner Mangaer Hans-Michael Holczer Fragen.


  4. Nee, werde ich nicht schaffen, bin nicht in Stuttgart. Fuentes habe ich hier aus der Ferne ein wenig begleitet, aber für eine vernünftige Berichterstattung müsste ich vor Ort sein.

    Andreas Burkert hat gestern für die SZ den zweiten Verhandlungstag mit Holczer als Zeugen beschrieben. Nächsten Dienstag wird Holczer noch einmal im Gerichtssaal stehen. Dazu noch Henn.


  5. Ja, die Anwälte Michael Lehner und Dieter Rössner von Stefan Schumacher befragen nächste Woche am Dienstag um 12.30 Uhr Hans-Michael Holczer.


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