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Tag danach: Konsequenzen der USADA Reports

11.10.

Gibt es schon jemand, der alle >1.000 Seiten durch hat? Sicherlich. Irgendwo, ein paar Freaks, die seit gestern Abend nicht mehr geschlafen haben.

Die eidesstaatlichen Aussagen habe ich soweit durch. Dazu ein paar andere Primärquellen. Die „begründete Entscheidung“ erst so bis Seite 30, dazu ein paar spezielle Passagen. Natürlich aber alle Fotos und Videos 😉

Etwa 24 Stunden nach der Veröffentlichung stelle ich mir die Frage, wie es nun weitergeht. Worüber sollten wir als erstes nachdenken und berichten? Der deutsche Aspekt spielt eine Rolle, aber auch die Frage, was lernen wir aus den Reports für die gegenwärtige Situation. Nicht nur im Radsport. Auch ganz allgemein im Hochleistungssport.

Ganz ruhig bleiben.

Ein Kollege sprach mir gegenüber heute von einer Milieustudie, die durch die Berichte öffentlich geworden ist. Diese Bezeichnung finde ich persönlich sehr passend. Ich bekomme ein Gefühl für die Strukturen in einem Dopingnetzwerk. Die Art der Kommunikation und wie Doping zu einem alltäglichen „part of the game“ werden kann. Davon haben uns schon viele Personen in der Vergangenheit berichtet, aber einzelne Puzzleteile bilden so langsam ein Bild. Ich kann zum ersten Mal fühlen, warum Fahrer dopen. Oder bilde ich mir das nur ein?

Johan Bruyneel bei der Tour de France 2011 @jsachse





An dieser Stelle ein kleiner Aufruf. Wer die Dokumente liest und Passagen entdeckt, die Paul Kimmage helfen könnten, teilt eure Gedanken sofort mit. Hier in den Kommentaren, bei Facebook, Twitter oder schreibt mir eine Mail. Spenden kann er natürlich weiterhin gebrauchen.

Ein erster Text ist entstanden. Heute Abend auf ZEIT ONLINE gegangen. Lest gerne mit und lasst uns gerne weiter gemeinsam überlegen, was als nächstes getan werden muss.

Eine Milieustudie des kranken Radsports

Die Dokumente der Usada könnten strafrechtliche Folgen für Lance Armstrong haben. Sie zeigen auch: Der gesamte Straßenradsport ist bis heute durch Doping korrumpiert.

von Jonathan Sachse, 11. Oktober 2012 aus Berlin

Die Dokumente, die die amerikanische Anti-Doping-Agentur Usada gestern Abend veröffentlicht hat, sind in der Geschichte des Kampfs gegen Doping einmalig. Die Zusammenfassung von rund zweihundert Seiten liest sich spannend wie ein Roman. Ergänzt wird sie durch Hunderte von Primärquellen: Telefongespräche, Videos, E-Mail-Protokolle, Banküberweisungen, Laborproben sowie Eidesstattlichen Aussagen von sechsundzwanzig Zeugen, darunter fünfzehn Fahrern. Diese Milieustudie verdeutlicht, wie krank und kriminell der Radsport ist.

Auch wenn es noch Tage dauern wird, bis alle Details ausgewertet sein werden, steht bereits jetzt die endgültige Erkenntnis fest: Lance Armstrong hat über etwa ein Jahrzehnt hinweg systematisch und im Verbund gedopt. Das war den meisten Menschen zwar schon lange vorher klar, auch gab es entgegen seinen Beteuerungen schon vereinzelte Belege. Mit dieser Dokumentation jedoch sind alle Zweifel getilgt und Armstrong der Falschaussage überführt. Wer immer noch nicht wahrhaben möchte, dass der Rekordsieger der Tour de France betrogen hat, wird es nie tun.

Doch im Fokus steht nicht Armstrong alleine. Die Puzzleteile der Usada liefern ein sehr genaues Bild vom „professionellsten Dopingsystem, das der Sport je gesehen hat“, wie es der Usada-Chef Travis T. Tygart beschreibt. Beispiel David Zabriskie: Der US-Profi schildert seine persönliche Entwicklung. Zunächst sei er sauber gefahren, sagt er. Mit dem Doping habe es angefangen, als die Teamleitung ihm „Erholungsspritzen“ verabreichte – ohne ihm zu verraten, was sie enthielten.

Nach nur einem Jahr im Armstrong-Team US-Postal sang Zabriskie seinen Kollegen im Bus Lieder über EPO (Erythropoetin) vor: „EPO in meinen Venen – in letzter Zeit scheinen sich die Dinge verändert zu haben – bewegen uns lustig, aber ich weiß nicht warum – Tschuldigung sage ich, während ich den Typen überhole.“ Die Anwesenheit des Sportlichen Leiters Johan Bruyneel störte ihn dabei nicht. Zabriskie berichtet vom Druck, den Bruyneel später auf ihn ausgeübt haben soll, EPO zu nehmen. Fragen nach dem gesundheitlichen Risiko soll Bruyneel mit „Jeder macht das“ beantwortet haben.

Die Dokumente zeigen auch den Einfluss Armstrongs auf die Konkurrenz. Der Texaner setzte mit seinem Streben nach Perfektion nicht nur auf der Strecke Maßstäbe, sondern auch beim Betrügen. Er war ein Early Adopter des Dopings. Andere Teams beteiligten sich dann am ständigen Wettbewerb, neue Dopingmethoden zu entwickeln.

Am vorigen Freitag sagte der längst geständige Doper Jörg Jaksche vor der Usada aus. Er berichtet von seinem ehemaligen Arbeitgeber T-Mobile, der im Jahr 2001 den Amerikaner Kevin Livingston von US-Postal abwarb. Aus Jaksches Aussagen geht hervor: Die Deutschen versprachen sich von dem Transfer Einblicke in Armstrongs Doping-System. Von Livingston wusste der Telekom-Rennstall, gemäß Jaksche, schon im Jahr 2000, dass Armstrong mit Blut-Transfusionen gearbeitet hatte. Diese Methode der Manipulation wurde später in Freiburg erfolgreich nachgeahmt.

Aus dem Dossier geht auch hervor, dass Armstrong ein cleveres Warnsystem etablierte. Bruyneel informierte sein Team frühzeitig über – eigentlich unangekündigte – Dopingkontrollen, berichtet Zabriskie. Jaksche erzählt vom Desinteresse des aktuellen UCI-Präsidenten Pat McQuaid, als der Deutsche sein Dopingwissen dem Radsportweltverband mitteilen wollte. Ein E-Mail-Verkehr zwischen dem Teamarzt Pedro Celaya und dem ehemaligen Armstrong-Helfer Jonathan Vaughters verrät, dass Armstrong im Jahr 1998 kurz vor der Abgabe einer Blutprobe von seinem Team Salzlösungen erhielt, um seine Hämatokritwerte zu senken, die unter 50 Prozent liegen müssen.

Auch wenn der Angeklagte Armstrong seine Karriere als Radsportler vor zwei Jahren beendete – die Veröffentlichungen betreffen sehr wohl das gegenwärtige Peloton. Viele der involvierten Personen sind noch aktiv, sei es als Sportlicher Leiter, Arzt, Betreuer oder Fahrer, wie etwa Zabriskie, Christian Vandevelde, Tom Danielson (alle US-Team Garmin) und Levi Leipheimer (QuickStep). Weil sie als Kronzeugen aussagten, wird ihre Sperre auf sechs Monate reduziert. Auch für alle einsehbar ist eine Liste von aktiven Fahrern, die mit dem Doping-Arzt Eufemiano Fuentes in Kontakt standen, darunter Alberto Contador, dessen Tour-de-France-Sieg von 2010 wegen Doping-Befunden längst aberkannt wurde.

Ebenso fällt der Name Michele Ferrari mehrfach. Der italienische Dopingarzt dürfte nicht mehr aktiv sein, da er von der Usada jüngst Berufsverbot im Sport erhielt. Von Lance Armstrong mit dem liebevollen Alias „Schumi“ angeschrieben, überwies ihm der Texaner insgesamt mindestens 800.000 € für Dopingmittel. Kontakte zu Ferrari hat Armstrong 2006 unter Eid bestritten.



[Seine komplette Aussage im Video]

Die Veröffentlichung der Usada könnte daher juristische Folgen für Armstrong nach sich ziehen. Genügen ihre Beweise, steht Lance Armstrong auch ohne positive Doping-Proben ein strafrechtliches Verfahren bevor. Ein erster Anlauf scheiterte im Februar unter dubiosen Umständen. Bruyneel und Celaya sowie Contadors Trainer Pepe Marti haben nun angekündigt, sich dem Gericht stellen zu wollen. In einem öffentlichen Prozess werden sie vermutlich noch dieses Jahr unter Eid ihre Argumente vortragen können. Dann könnte es auch ein Wiedersehen mit Armstrong geben, der als Zeuge verpflichtet werden könnte.

Unabhängig von juristischen Urteilen, scheint sich in den USA mittlerweile die Stimmung gegen den Helden Armstrong zu drehen. Selbst seine Heimatmedien in Austin befassen sich mit dem Usada-Bericht. Eine Fan-Basis wird der populärste Ausdauersportler der amerikanischen Geschichte jedoch nicht verlieren, auch dank seiner Krebsstiftung Livestrong, deren Pressesprecherin gestern die Unterstützung Armstrongs garantierte.

„Das ist mein Körper. Mit dem kann ich machen, was ich will“, prahlte Armstrong einst in einem Nike-Fernsehspot. Die Berichte der Usada bestätigen ihn, wenn auch spät, auf sehr zynische Weise.

Schon die Reaktion von Fabian Cancellara gelesen?

Es ist so, dass sie ihn bodigen wollten, und das haben sie auch geschafft. Ob es gut ist oder schlecht, weiss ich nicht.

Andererseits schreibt ein Fahrer, mit dem ich mich in Erfurt und während der Tour 2012 schon intensiver auseinandergesetzt habe, solche Tweets:




Weiterstudieren.