-Die bösen deutschen Anti-Sport Berichterstatter -Erfurter Dopingaffäre: Interview mit Marcel Kittel

Erfurter Dopingaffäre: Interview mit Marcel Kittel

14.02.

Am vergangenen Wochenende habe ich einen Beitrag über Marcel Kittel und die Erfurter Dopingaffäre für den Deutschlandfunk produziert, der sich hier nachlesen und hier nachhören lässt.

Doch für die Experten der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA steht fest. Allein die Abnahme und Rückführung des Blutes wird bereits als klarer Verstoß gegen die Anti-Doping Bestimmungen gewertet – unabhängig von der Methode der Wiedereinbringung und der Menge (…) Unabhängig davon stellt sich die Frage, warum ein volljähriger Radprofi ein Jahr nach dem Fuentes-Skandal von einem Arzt Blut entnehmen und zurückführen lässt. Ob fünfzig oder hunderte Milliliter. Trotz Bauchschmerzen hat Kittel nach eigener Aussage nur mit Familie und Freunden über die UV-Behandlung gesprochen. Nicht mit Teamkollegen, nicht mit seinen Teamärzten, nicht mit dem Olympiastützpunkt. Lässt sich dies nur mit Naivität begründen?

Das war mein erster Beitrag fürs Radio, hat mir gezeigt: Ich will mich weiter crossmedial bewegen. Im Radio bin ich ganz anderen Abhängigkeiten ausgesetzt, als im TV und Print/ Online. Dafür eröffnen sich auch Freiheiten, die ich in den anderen Medien nicht finde. Keine Bildabhängigkeit, Formulierungen in kurzen prägnanten Sätzen. Die Abwechslung zwischen den Mediengattungen hat durchaus seine Reize.

Einen Aspekt habe ich im DLF-Beitrag nicht näher beschrieben, hätte in die 5 Minuten nur schwer reingepasst. Das Team von Marcel Kittel fährt aktuell nur unter einem Projektnamen, namentlich „project 1t4i“. Erst im März wird der Name von einem neuen Sponsor verkündet, der die Veröffentlichung im Rahmen einer größeren Kommunikationskampagne (für ein neues Produkt?) spielen möchte. Ein deutscher Sponsor gilt als wahrscheinlich.

Nun diskutiert der Radsportweltverband UCI gerade über das Team Saxo Bank, dessen Kapitän Alberto Contador in der letzten Woche vom CAS bis August gesperrt wurde. Der Spanier hat im letzten Jahr 68% der Punkte im UCI WorldTour Ranking für sein dänisches Team geholt. Mittlerweile wurde er aus dem 2011er Ranking entfernt und die Frage lautet: Ist der ProTour Start, die 1. Bundesliga im Radsport, für das Team Saxo Bank ohne Punkteführer Contador gerechtfertigt? Oder muss das Team eine Klasse tiefer als Pro Continental Mannschaft gewertet werden?

Sollte das passieren – ich persönlich halte es für unwahrscheinlich – würde ein Team in die höchste Klasse nachrücken. Diesen Platz könnte wiederum Kittels Team einnehmen und schon würde ein Telekom/ Gerolsteiner/ Milram Nachfolger existieren.

Diesen Hintergrund sollte man kennen. Denn Marcel Kittel und seine Berater werden ihn in seiner Kommunikationsstrategie berücksichtigen. Ein Dopingfall im Team und das Projekt könnte noch vor dem eigentlichen Start scheitern.

Hinter der Radrennbahn Andreasried liegt die Geschäftsstelle der TeamSpirit GmbH.
(Foto: jsachse)



Das Interview mit Marcel Kittel fand am 7. Februar in der Geschäftsstelle des Thüringer Energie Teams statt. Gleichzeitig ist dies der Sitz der TeamSpirit GmbH, die verschiedene Sportler, Vereine und Veranstaltungen im Radsport vermarktet. Das Unternehmen wird von Jörg Werner geführt, der somit auch als Manager von Marcel Kittel fungiert. Eigentlich sollte das Gespräch nur mit Marcel Kittel geführt werden. An ein paar Stellen hat sich aber Jörg Werner zu Wort gemeldet. Ein paar Wiederholungen habe ich rausgenommen. Das hier veröffentlichte Interview ist aber weitestgehend vollständig:

Wurden sie in der vergangen Woche beim Stern von Bességes von anderen Fahrern auf die Vorgänge in Erfurt angesprochen?

Kittel: Es gab wenige Reaktionen. Viele haben es vielleicht gar nicht so sehr wahrgenommen, aber mit ein oder zwei Fahrern habe ich darüber gesprochen. Für die war das natürlich auch schwer nachvollziehbar. Durch die ganzen Artikel konnten sie sich umfassend darüber informieren. Die haben dann auch gesagt: Die Regeln sind eigentlich klar dazu. Es gab von der holländischen Anti-Doping Behörde, dass es kein Doping ist. Von der WADA gab es eine Aussage. Dementsprechend war das für die Fahrer kein großes Ding.

In den letzten Tagen haben sie immer wieder das Vertrauen in ihren Arzt Dr. Franke betont. Wie begründen sie das Vertrauen?

Kittel: Ich wohne seit 2004 in Erfurt, bin hier auf die Sportschule gegangen und habe auch hier trainiert. Das hier ist mein Lebensmittelpunkt und Trainingsmittelpunkt gewesen – ist es auch immer noch. Mein ganzes Training wurde über den Olympiastützpunkt organisiert. Wir haben die Krafträume benutzt, die Sauna. Wir kriegen hier Massagen und der Dr. Franke ist auch dort. Meiner Meinung nach gehört für Leistungssportler auch ein fester Sportmediziner dazu. Eine Sportverletzung oder ein Infekt vor einem Wettkampf ist dann doch etwas anderes. Man muss auch eine kompetente Person haben, was die ganze Anti-Doping Sache angeht. Welche Medizin, welche Medikamente kann ich nehmen. Mir wurde immer gesagt, wenn verletzungsmäßig oder anderweitig ein Problem ist, dann geh zu Dr. Franke. Das habe ich einfach gemacht. Und mit diesem Hintergrund war ich immer bei ihm, ohne eine böse Absicht zu haben. Es war einfach der Ansprechpartner, wenn was war.

Zum Ablauf der UVB. Wenn sie einen Infekt hatten, haben sie den Olympiastützpunkt gefragt…

Kittel: …wie wenn sie zum Arzt gehen.

Andreas Franke war ihr genereller Ansprechpartner bei Infekten?

Kittel: Dr. Franke war glaube ich zweimal die Woche im OSP ist und eine Sprechstunde hat. Das heißt die Sportler können sich dann direkt im OSP von ihm behandeln lassen oder in der Stadt in seiner Praxis.

Wie lief die UV-Behandlung im Detail ab?

Kittel: Man hat einen Schlauch. Am Ende die Spritze zum aufziehen. Der Schlauch geht dann durch den UVB-Kasten. Dann wird das Blut einfach 50ml aufgezogen und sofort reinjeziert. Das heißt jetzt nicht, dass das Blut minutenlang bestrahlt wird. Die Zeit, die das Blut braucht um in den Spritze zu gehen, ist gleichzeitig die Dauer der Bestrahlung.

Comthurgasse 9 in Erfurt: Die Praxis von Sportmediziner Andreas Franke.
(Foto: jsachse)



Haben sie mit ihren Eltern darüber gesprochen?

Kittel: Das weiß ich nicht mehr. Ich geh aber davon aus, habe zu ihnen ja ein offenes Verhältnis.

Beide Eltern waren Profisportler?

Kittel: Nein. Leistungssportler kann man sagen, aber nicht auf einer professionellen Ebene. Mein Vater war mit der DDR-Nationalmannschaft auch bei der Polen Rundfahrt erfolgreich.

Sie waren als sie Behandlung bei Dr. Franke zum ersten Mal in Anspruch genommen haben 18 Jahre alt. Fühlten sie sich damals ausreichend vom Olympiastützpunkt und Verein beraten?

Kittel: Mir wurde immer gesagt: Bei Krankheit oder Verletzung geh zu Dr. Franke. Ich kann jetzt auch nicht vom Olympiastützpunktleiter oder von irgendjemand aus meinem Team ohne medizinische Ausbildung erwarten, dass er mir eine konkreten Empfehlung gibt. Die verlassen sich natürlich auch auf das medizinische Personal, in dem Fall war das Dr. Franke.

Mussten sie irgendwen über die Besuche bei Dr. Franke informieren?

Kittel: Nee, das ist wie beim jedem privaten Arztbesuch. Die selbe Vertrauensebene. Der selbe Grund am Ende. Das selbe Prozedere.

Werner: Natürlich war bei Krankheitsfall der Trainer über den Arztbesuch informiert. Unser Team hat aber nie nachgefragt, was da passiert ist. Wir haben da genauso drauf vertraut, dass er weiß, was er tut.

Kennen sie noch andere Sportler, bundesweit, die eine UV-Behandlung bekommen haben?

Kittel: Nee. Ich habe mich eigentlich noch nie mit jemand anderen, solang es nicht meine Freundin ist oder meine Familie darüber unterhalten, was man vom Arzt verschrieben bekommen hat.

Aber sie haben von anfänglichem Zweifel berichtet. Hatten sie keinen Gesprächsbedarf?

Kittel: Ich habe mit Freunden darüber gesprochen.

Wie wurden zu Beginn ihrer Karriere über Doping informiert?

Kittel: Das ist eine interessante Frage. Ich kann mich noch an einen Fernsehauftritt von Gerald Ciolek erinnern. Daraufhin hat der BDR umfassend informiert und hat eine Mappe mit Infomaterialien versendet. Es ist aber nicht so, dass man jedes Jahr ein Seminar hat. Was speziell den Sportmediziner betrifft, der mit Hochleistungssportlern arbeitet: Da geht man als Leistungssportler davon aus, dass derjenige weiß, was er verschreibt und ob das Mittel erlaubt ist.

Werner: Das ist eine schöne Geschichte. Ich habe mich zuletzt viel mit der eigenen Historie auseinandergesetzt und mich selbst hinterfragt, was hätte man anders machen können. Wir haben 2006 das erste Mal das Continental Thüringen Energie Team gehabt, was vorher aus dem Team Köstritzer als Regionalmannschaft entstanden ist. Ich weiß noch: Wir haben in den ersten Jahren immer dagesessen und haben hier die WADA-Listen ausgedruckt. Dabei klar erklärt, was draufsteht und sind die erlaubten Medikamentenlisten durchgegangen. Wir haben auch mit unserem Physiotherapeuten dahingehend Schulungen gemacht, die bei den Radrennen dabei waren, weil wir nie einen Arzt mit hatten. Diese Dinge haben wir schon getan. Wir haben immer darauf geachtet, dass die Betreuer über alle Veränderungen (im WADA-Code) informiert sind.

Ich muss aber auch zum aktuellen Fall sagen: Verbotene Methoden ist ja die große Überschrift über das, was wir jetzt diskutieren. Es ist auch einfach schwer für mich als Laie selber da durchzublicken. Ich habe mich jetzt drei Wochen extrem in das Thema reingekniet, weil ich jetzt natürlich davon betroffen bin. Ohne den konkreten Fall hätte ich das so nie betrieben, muss ich ehrlich sagen. Das ist so schlecht, dass es bis zum 1.1.2012 auszulegen war. Warum hat man diesen neuen Paragraphen „Entnahme, Manipulation und jegliche Rückführung“ nicht gleich so klar formuliert? Dann wären alle Unklarheiten beseitigt gewesen. Jeder hätte gewusst, was passiert. Dann hätte es Franke definitiv auch nicht gemacht. Da bin ich der festen Meinung. Das wäre gar nicht möglich gewesen. Da erwarte ich von der WADA und NADA, dass die Athleten an der Stelle auch entsprechenden Schutz erfahren. Das ist die eigentliche Aufgabe des Reglements. Es darf keine Graubereiche geben, die zu Diskussionen führen. Jetzt diskutiert die ganze Republik darüber. Was ist eine Injektion, was ist eine Infusion? Das ist doch schon der Anfang vom Ende, was das Reglement angeht. Das ist einfach schlecht.

Zurück zur Dopingaufklärung. Wie wird das Thema Doping in ihrem Team Skil-Shimano seit ihrem Wechsel (Anmerkung: Anfang 2011) gegenüber den Fahrern kommuniziert?

Kittel: Uns wurden jetzt keine Mappen zugeschickt. Die NADA informiert alle Sportler jährlich über den neuen NADA bzw. WADA-Code per E-Mail hin. Den kann man sich selber im Internet anschauen. Mir wird aber nichts nach Hause geschickt. Bei Skil-Shimano sind die Leute sehr sensibel. Das Team liegt sehr viel wert auf Ethik und die Teamphilosophie ist extrem auf Anti-Doping eingestellt.

Wie macht sich die Einstellung bemerkbar?

Kittel: Dieses Jahr hatten wir unser großes Teamtrainingslager im Januar zur Teampräsentation. Dort hatten wir abends eine Präsentation von unserem Teamarzt, der uns zum Beispiel gesagt hat: Er bietet Nahrungsergänzungsmittel an. Das ist erlaubt, das könnt ihr nehmen. Er fordert von jedem Sportler die Info an, wenn Nahrungsergänzungsmittel gewünscht sind, soll es ihm gesagt werden. Er prüft das. Er checkt das. Erst dann gibt es ein OK. Er und das Team sind dann informiert. Es ändert sich ja nicht jedes Jahr extrem viel, was das Reglement angeht. Die aktuellsten Neuerungen werden da immer erwähnt.

Der Schweizer Radprofi Fabian Cancellara hat 2011 seine Biographie veröffentlicht. Darin berichtet er von seinem alltäglichen Gebrauch von Injektionen und anderen Methoden zur Leistungssteigerung, alles bis zur Grenze des Erlaubten. Wo setzen sie ihre Grenze ?

Kittel: Ich kenn nur Auszüge aus dem Buch von Cancellara. Für mich persönlich: Ich möchte mir jeden morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, sagen können: Ok, du bist ein sauberer Mensch. Das ist für mich das Wichtigste. Ich möchte meinen inneren Frieden finden. Ich weiß definitiv, dass ich nie betrogen habe und auch nie machen möchte. Ich möchte auch nie mit Schuhgröße 48 aufwachen, weil ich Wachstumshormone oder so ein Mist genommen habe. Ich möchte auch nicht, dass meine Kinder krank werden, weil ich mir irgendeine Scheiße reingepfiffen habe. Ich möchte mit mir selbst im Reinen sein. Mir ist dabei auch relativ egal, was andere Leute denken. Ich weiß definitiv, bisher habe ich noch nie irgendetwas gemacht, um zu betrügen.

Lassen sie uns über die erlaubten Möglichkeiten der Leistungssteigerungen sprechen. Wie oft im Jahr werden sie gespritzt?

Kittel: Gar nicht. Seit 2008 habe ich keine Spritze mehr bekommen. Gut, ich bekomme eine Spritze, wenn mir Blut abgenommen wird zur Dopingkontrolle. Seit 2011 gilt sowieso die „No Needle policy“. Mein Team ist da sehr strikt, daran hält sich jeder. Das ist vielleicht auch ein Test für mich selber. Dass ich einfach weiß, soweit hast du es geschafft und du hast nichts genommen außer vielleicht mal einen Energy Shock, indem wahrscheinlich weniger Koffein als im Espresso drin ist. Das ist im Prinzip das einzige, was ich nehme im Rennen neben einem Energieriegel, um da durchzukommen.

In anderen Sportarten wie im Fußball oder Basketball ist „fit spritzen“ gang und gäbe.

Kittel: Ich will nicht mit den Finger auf andere zeigen. Ich habe dazu eine ziemlich radikale Meinung, die möchte ich nicht öffentlich machen. Es gibt die Anti-Doping Regeln und wenn andere in anderen Sportarten, was anderes machen dürfen, ok. Im Radsport ist es sehr strikt. Das finde ich sehr gut. Ich unterstützte das 100 prozentig. Wenn man sich woanders noch mit Kortison kurz vor einem wichtig Wettkampf behandeln lassen kann, ist das dort so. Wenn die Personen mit Entscheidungsgewalt das nicht wichtig finden, kann ich nichts machen.

Welche Medikamente gehören zu ihrer Grundausstattung bei mehrtägigen Rennen?

Kittel: Das ist ähnlich wie früher beim Energie Team Thüringen. Es gibt einen Medizinkoffer und dort sind alle Medikamente drin, die nicht verboten sind. Aspirin oder Paracetamol oder Grippostad, all so was.

Werner: Das ist auch alles bei uns drin. Hustenlösungen, Gelomyrtol. Das wirkt eigentlich immer ganz gut, gerade wenn man Husten oder Nebenhöhlensachen hat. Das ist ja auch pflanzlich.

Marcel Kittel hat da eine ganz klare Meinung. Im Radsport muss man einfach wieder dahin zurückkommen, nicht zurück zu schrecken, wenn man auf diese Themen angesprochen wird. Wir haben da schon einen Hausreflex im Radsport. Doping? Uff. Bloß nichts sagen, Kopf wegziehen. Dafür gibt es keinen Grund. Ich war im letzten Jahr bei den Verhandlungen rund um Tony Martin ganz nah an solchen Dingen dran. Wir haben uns im Radsport wirklich weiterentwickelt. Das ist ein langer Prozess und geht nicht von heute auf morgen. Nicht jeder kann gleich den Schalter im Kopf umlegen und sagen: Neue Zeitrechnung. Wir machen jetzt mal was ganz anderes.

Nach 1998 (Anmerkung: Festina Skandal) und 2006 (Anmerkung: Fuentes Skandal) musste sich das Thema erst in den Köpfen vieler entwickeln, um sich dann dem bewusst zur werden wie es zum Beispiel Highroad (Anmerkung: Löste sich ohne Sponsor Ende 2011 auf) gelebt hat – mit Rolf Aldag an der Spitze. Er hat ein Geständnis abgelegt, aber im Moment für einen sauberen Weg im Radsport steht. Auch die Ärzte im Team hat er bewusst ausgesucht und auf das Wissen geachtet hat. Was kann ich, was ist verboten. Wir haben eine ähnliche Strategie im Team gefahren. Im Zusammenhang mit dem Olympiastützpunkt Thüringen. Das muss ich ganz klar sagen.

Als Tony den Vertrag bei Omega-Pharma Quickstep unterschrieben hat, war das auch für Tony ein wichtiges Thema. Wer ist dort? Kann ich dort vielleicht ein vertrautes Umfeld mitbringen? Ärzte, auf die ich mich verlassen kann. Da geht alles einen sauberen Weg. Das sind sicherlich auch wichtige Punkte für die junge Generation von Radsportlern gewesen, bewusst auch ein Team auszuwählen. Für Degenkolb war das auch ein wichtiges Argument zu Team Project 1t4i zu gehen, weil die dort ein transparentes System haben, auch was die Ärzte angeht. So ist das Vertrauen dar, dass die auch wirklich nur Sachen machen, die erlaubt sind.

Ich denke wir sind im Radsport weiter, als es für den außen stehenden erscheint. Dass es natürlich immer wieder schwarze Schafe gibt, ist normal. Ich finde es auch gut, dass streng kontrolliert wird und diese Personen ausgefädelt werden. Die Öffentlichkeit muss sich auch vor dem Reflex schützen, zu sagen: Schon wieder ein Radsportler. Aber das ist die Idee des Systems, wenn man gut kontrolliert, findet man Leute und die gehören weg. Bei einer positive A- und B-Probe sollte nachgedacht werden die Sperren noch zu verlängern, um die Hemmschwelle noch höher zu setzen. Da stehe ich für einen klaren Weg.

Nutzen sie ein Asthmaspray?

Kittel: Nein.

Was sind ihre favorisierten Substanzen?

Kittel: Ich will ihnen nicht zu nahe treten, aber ich finde die Frage schon unverschämt.

Begründen sie das.

Kittel: Es gibt natürlich Fahrer, da können wir gerne offen drüber reden, die nehme gerne eine Schmerztablette oder so. Das ist nichts ungewöhnliches, weil es auch nicht verboten ist.

Über diese legalen Substanzen reden wir gerade.

Kittel: Aber „Substanzen“ hört sich schon nach etwas Fragwürdigen an.

Werner: Marcel ist das schlechteste Beispiel dafür.

Fahren sie fort Herr Kittel.

Kittel: Eine Schmerztablette ist nicht gang und gäbe, aber ist wird mal genommen, natürlich. Aber ich will das nicht. Ich möchte einfach nicht meinen Körper betäuben. Nicht bei der Vuelta oder sonst wo. Ich habe noch nie bei einem Radrennen eine Schmerztablette genommen. Mit dieser Aussage will ich aber auch nicht hausieren gehen und das Gott und die Welt unter die Nase halten. Das ist für mich einfach eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich treffen muss. Wenn sich einer drei Schmerztabletten reinknallt, macht er das. Ich habe keine Schmerztablette oder irgendetwas anderes genommen und wenn es irgendeine Nebenwirkung gibt, habe ich die nicht.

Werner: Das will ich noch einmal ganz klar sagen. Deswegen bin ich gerade so hinterher zu sagen: Es trifft hier gerade komplett die Falschen. Auch in unserem Team arbeiten wir nicht mit so etwas. Da kriegt kein Rennfahrer eine Schmerztablette vorm Radrennen. Wir haben in dem Koffer wirklich nur Dinge, die ein Radfahrer bei einer Erkältung oder ähnlichem braucht. Das ist nichts drin, was die Grenzen in unserem Team auslotet. Wir müssen uns bewusst sein, dass es die Grenze gibt und dass es eigentlich auch bis an die Grenze rangehen kann und auch erlaubt ist. Da darf man einfach nicht diesen Schutzreflex haben. Es gibt die Grenze und jeder kann entscheiden, ob er sie auslotet. Wir leben diese Philosophie nicht. Unsere Denke ist nicht: Jetzt gehen wir mal an die Grenze ran und loten doch mal den Graubereich aus. Genau diesen erzieherischen Effekt wollen wir eben nicht erzielen. Deswegen gehen wir als Team einen strikten Weg und schulen dementsprechend unsere Physiotherapeuten. Von denen geht auch keiner an unseren Koffer und nimmt etwas raus, ohne die sportliche Leitung in dem Radrennen zu informieren. Keiner würde von alleine rumdoktern. Wir wählen bewusst Betreuer danach aus, die so intelligent sind, diesen Weg mit uns gemeinsam zu gehen. Das ist für mich auch eine Frage der Intelligenz. Wir haben in der Vergangenheit im Radsport auch einfach viele Dumpfbacken gehabt, ohne jemand zu nahe treten zu wollen. Das muss man ganz klar sagen. Dieser Prozess siebt sich aber über die Jahre aus, weil es irgendwann auch der letzte begriffen haben muss, dass es anders funktionieren sollte.

Deswegen kann Marcel mit der Frage schon gar nicht umgehen. Auch Steigmiller könnte das nicht, wenn man ihm die Fragen stellen würde. Was nimmst du so? Lotest du die Grenze aus bis zum geht nicht? Die wissen damit nichts anzufangen.

Sind sie außerhalb der Vuelta 2011 dreiwöchige Rundfahrten gefahren?

Kittel: Nein. Die Vuelta bin ich auch nicht zu Ende gefahren.

In der dritten Woche könnte das Verlangen nach einer Schmerztablette größer werden.

Werner: Da geht es auch nicht um Schmerztabletten. Da geht es eher um andere Sachen, um auch gewisse Haushalte nach 14 Tagen Rundfahrt wieder aufzufüllen. Weniger um Schmerztabletten.

Kittel: Ich selber nehme natürlich auch mal eine Vitamintablette als Nahrungsergänzungsmittel oder ein Proteinshake nach dem Kraftraining. Das ist absolut normal. So wie es jeder Autonormalverbrauch das auch macht, wenn er im Kraftraum war. Das gehört dazu. Ich möchte meinen Körper trainieren und ihm die bestmöglichsten Voraussetzungen bieten, um sich weiterzuentwickeln. Da gehört natürlich bei Krankheit eine Vitamin C-Tablette dazu. Das wichtigste ist aber immer noch: Gut essen, gut trainieren, gut schlafen. Nach diesem Grundsatz versuche ich zu leben und mein Team lebt diesen Grundsatz auch.

Ich kann aber verstehen, dass das natürlich im Kontrast zu meinen UV-Behandlungen steht. Vielleicht macht das einfach deutlich wie sehr ich dem Arzt in dem Punkt vertraut habe und auch auf meine Nachfrage nach Doping mit seiner Aussage zufrieden gestellt war.

Praxisschild Franke (Foto: jsachse)



Aber warum haben sie ein Jahr später die Behandlung beendet?

Kittel: Meine geschilderte Meinung habe ich erst als Leistungssportler entwickelt. Mit 18 Jahren habe ich noch nicht exakt so gedacht. Ehrlich gesagt, habe ich mich mit 18 Jahren mit dem Thema noch gar nicht groß beschäftigt, bis dahin war alles Spaß und Spiel. Erst danach habe ich mit dem wirklichen Hochleistungssport angefangen. Die Wettkämpfe wurden wichtiger, man durfte nicht krank sein und wollte natürlich auch in bester Form sein. Und in dem Moment hat der Arzt die Methode empfohlen und da habe ich ihm vertraut.

Vertraut und ein Jahr später doch beendet?

Kittel: Ich hatte zu Beginn ein komisches Gefühl. Habe ihn gefragt, ist es Doping? Ja oder Nein? Er hat Nein geantwortet. Dieses komische Gefühl war immer noch nicht weg. Dann habe ich irgendwann gesagt. Das ist komisch, ist nichts für mich. Ich möchte das nicht mehr machen. Man liegt da, bekommt Blut rausgezogen und wieder reingespritzt. Das war einfach komisch. Ab dem Punkt war klar: Ich brauche solche Methoden nicht, die sich für mich seltsam anfühlen. Dann habe ich für mich persönlich den Entschluss gefasst.

10 Kommentare zu "Erfurter Dopingaffäre: Interview mit Marcel Kittel"

  1. Gute Arbeit. Sehr interessant zu lesen. Gut unterlegt mit Deinen Fotos.Gerne mehr davon.


  2. Pingback: Neue Ideen braucht der Sport » Fabian Fiedler


  3. Christoph Pulster

    Du stellst Kittel an den Pranger, die Fragen sind suggestiv und zeugen von Vorurteilen – sowas ist keine saubere journalistische Arbeit. Statt ueber Medienformate mal mehr ueber Inhalte nachdenken !
    Chr.Pulster


  4. @Pulster: An den Pranger stellen ist dann aber doch noch was anderes.

    Kittel und Werner haben in aller Ausführlichkeit geantwortet.

    Ich kann keine “unsaubere” journalistische Arbeit von Jonathan Sachse erkennen.

    Er hat seinen Ansatz und zieht es konsequent durch. Siehe auch seine Tourberichterstattung von der Frankreichrundfahrt 2011.


  5. Sehr geehrter Herr Pulster,

    für Feedback bin ich immer dankbar, nur sollte diese auch begründet sein. Welche Fragen deuten sie denn als suggestiv? Welche Vorurteile?

    Und bitte erklären sie mir auch diesen Satz:

    Statt ueber Medienformate mal mehr ueber Inhalte nachdenken!

    Sobald ich ihre Vorwürfe verstehe, sehe ich mich auch in der Lage hier zu antworten.

    Viele Grüße,
    Jonathan Sachse


  6. Pingback: Heute in Berlin: Erfurter Blutbestrahlung mit SteuergeldDaniel Drepper | Daniel Drepper

  7. Pingback: Letzte Stunde Projekt 1t4i | Jonathan Sachse

  8. Pingback: Tag danach: Konsequenzen der USADA Reports | Jonathan Sachse

  9. Pingback: Dopingaffäre Erfurt: NADA beschließt Gang zum CAS

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>