DFB-Kandidatur – Wie ernst meint es Andreas Rüttenauer?

23.01.

Diese Frage stelle ich mir seit ein paar Tagen und versuche hier Antworten zu geben, indem ich den neuen Kandidaten um den DFB-Chefposten im weiteren Verlauf selbst zu Wort kommen lasse. Zunächst aber zur Vorgeschichte…

Screenshot DFB-Pressemitteilung 7.12.2011

Screenshot DFB-Pressemitteilung 7.12.2011



Am 7. Dezember brachte der DFB eine Pressemitteilung heraus, in der die Kandidatur von Wolfgang Niersbach als Nachfolger von Dr. Theo Zwanziger verkündigt wurde. Im Titel noch defensiv “Wolfgang Niersbach kandidiert für Präsidentenamt”, schrieb die Pressestelle des DFB im weiteren Verlauf der Meldung den Kandidaten bereits ins neue Amt:

In einer Sitzung in Frankfurt am Main sprachen sich die Vertreter der fünf Regionalverbände des DFB sowie weitere Mitglieder des DFB-Präsidiums einhellig für eine Kandidatur des derzeitigen Generalsekretärs aus. Niersbach bewirbt sich damit um die Nachfolge von Dr. Theo Zwanziger, der am vergangenen Freitag verkündet hatte, nicht erneut zu kandidieren und im Oktober 2012 sein Amt zur Verfügung stellen zu wollen. Die Wahl des elften DFB-Präsidenten wird dann im Rahmen eines Außerordentlichen DFB-Bundestages erfolgen.

Der Außerordentliche DFB-Bundestag ist für den 2. März datiert. Erst dann kann Niersbach von den Delegierten der Mitgliedsverbände des DFB als Präsident gewählt werden. Bei seiner Übergaberede in Frankfurt/ Main könnte Dr. Zwanziger problemlos seine Worte aus dieser PM vorlesen:

Ich habe ihn (Wolfgang Niersbach) mir bereits für den Bundestag 2010 als meinen Nachfolger gewünscht. Damals war er dazu noch nicht bereit. Umso mehr freue ich mich heute über seine Zusage. Er erhält meine volle Unterstützung. Ich arbeite seit 20 Jahren freundschaftlich, eng und vertrauensvoll mit ihm zusammen und bin daher überzeugt, dass er den Verband in Zukunft optimal führen und dabei die ehrenamtliche Basis nicht aus den Augen verlieren wird.

Und auch Niersbach könnte im März die Copy & Paste Taste bedienen:

Ich habe höchsten Respekt vor diesem Amt. Mir ist bewusst, welch großer Schritt das für mich persönlich bedeutet. Mein Vorteil ist sicher, dass ich den Fußball seit fast 40 Jahren und den DFB in all seinen Facetten seit über 20 Jahren kenne. Ich traue mir die Aufgabe zu, weil ich die breite Rückendeckung spüre. Ich war schon immer ein Mannschaftsspieler, daran wird sich nichts ändern.

Der Vorgänger empfiehlt seinen Nachfolger. Die Verbände ziehen aus Angst vor Konsequenzen mit. Am Ende bleibt wenig Spielraum für großartige Veränderungen im System. Und das wirkliche traurige: Journalisten und Bürger sind an solche schein-demokratischen Prozesse gewöhnt.

Seit ein paar Tagen unternimmt der taz-Sportredakteur Andreas Rüttenauer einen Versuch, diesen vorgegebenen Ablauf zu bremsen. Sein Ziel: Er möchte am 2. März als zweiter Kandidat auf dem Stimmzettel erscheinen und die Möglichkeit für eine demokratische Wahl schaffen. Nur muss er dafür einen der 22 Landesverbände als Fürsprecher gewinnen. Nur diese dürfen einen Kandidaten vorschlagen. Aus welchem Grund sollte einer der Landesverbände den Zwergenaufstand wagen?



Einen ähnlichen Versuch unternahm Grant Wahl (Sportjournalist Sport Illustrated) im vergangen Jahr und wollte niemand geringeres als den Chef des Weltfußballverbandes Sepp Blatter stürzen. Auch er benötigte die Unterstützung eines Mitgliedverbandes, woran er schließlich scheiterte. So blieb es bei einem Kandidaten auf dem Stimmzettel und der alles oder nichts Frage, die 186 von 203 Teilnehmern mit Ja beantworteten.

Das Grant Wahlvideo war nett gemacht.



Bisher spielte sich die Kommunikation von Rüttenauers Kandidatur ausschließlich in der taz ab, in der am Wochenende eine Doppelseite zum Thema erschien. Kerninhalte: Ein Interview und “Das Manifest des deutschen Fußballs 2020″. Alles nur ein PR-Gag der taz? Wie ernst darf der Vorstoß von Andreas Rüttenauer genommen werden?

taz 21.01.2012

taz 21.01.2012



Zu den angesprochenen Themen habe ich Herrn Rüttenauer am Samstag per E-Mail ein paar Fragen gesendet, die er einen Tag später ausführlich beantwortete und hier ungekürzt veröffentlicht werden:

Ihre Kandidatur als DFB-Präsident riecht nach einer Nacht und Nebel Aktion. Wann haben sich dazu entschlossen, als Gegenkandidat zu Niersbach anzutreten?

Rüttenauer: Im Dezember, nachdem klar war, dass Wolfgang Niersbach, das Präsidentenamt übernehmen soll, haben wir uns in der Redaktion auch zusammen mit unseren freien Mitarbeitern, die auch für andere Medien als die taz aktiv sind, gefragt, wofür der DFB-Generalsekretär eigentlich steht. Eine Antwort hatte keiner von uns. Mehr als die Vermutung, dass er sich anders als Theo Zwanziger mehr um die Nationalmannschaft der Männer kümmern wird, gab es nicht. Dann kamen wir auf das Wahlverfahren zu sprechen und haben schnell festgestellt, dass die Wahl durch den DFB-Bundestag eher einer Akklamation gleichkommt. Der Kandidat kann ohne Programm in die Abstimmung gehen. Nur die Kandidatur eines Konkurrenten würde Niersbach dazu zwingen, ein Programm zu formulieren. Wir wollten uns überlegen, wer ein geeignter Gegenkandidat sein könnte und wollten uns expliztit auch auf die Suche nach einer Gegenkandidatin machen. Damals gingen wir davon aus, dass die Neuwahl im Oktober stattfinden würde. Als klar war, dass schon im März gewählt wird, mussten wir schnell handeln. Ich habe den Arm gehoben und gesagt: Ich kandidiere.

Handelt es sich wirklich um eine ernsthafte Kandidatur? Sie benötigen die Unterstützung eines Landesverbandes!

Rüttenauer: Das ist sicher Definitionssache. Ist man erst dann Kandidat, wenn man nominiert wird oder schon, wenn man darum kämpft nominiert zu werden? Ich sehe mich jedenfalls als ernsthaften Bewerber um das Amt.

Selbst Grant Wahl schien näher an einer Nominierung als FIFA-Gegenkandidat dran gewesen zu sein. Warum sollte einer der Landesverbände vor dem DFB eine dicke Lippe riskieren, indem er sie nominiert?

Rüttenauer: Ich will mit meinen Ideen bei den Landesverbänden werben. Natürlich weiß ich um die Abhängigkeiten, die da existieren, weiß, dass es unwahrscheinlich ist, dass sich ein Landesverband wirklich mit dem Dachverband anlegt. Ich würde mich aber freuen, wenn es endlich ein inhaltliche Diskussion über die Zukunft des Fußballs geben würde. Das wäre schon ein großer Erfolg.

Bisher ist ihre Kandidatur sehr eng an die taz gebunden. In meiner Wahrnehmung sind sie in erster Linie ein Kandidat der taz, weniger die Einzelperson Andreas Rüttenauer. Wollen sie daran etwas ändern?

Rüttenauer: Die Wahrnehmung ist nicht ganz falsch. Die taz unterstützt meine Kandidatur auch deshalb, weil es dadurch gelingen kann, sportpolitische Themen auf eine neue Art anzusprechen. Für die Unterstützung bin ich sehr dankbar. Und doch trete ich als Privatperson an. Je mahr Resonanz es von außen gibt, desto leichter wird es mir sicher fallen, unabhängig von der taz zu agieren. Dann täten sich andere Medien auch leichter, über meine Kampagne zu berichten. Sie wäre dann ein echtes Sportthema. Noch wird sie eher als Medienthema wahrgenommen. Ich hoffe, dass sich das ändert.

Sie haben das “Manifest des deutschen Fußballs” veröffentlicht und nennen das Jahr 2020 als Zielzeit. Sie wollen also mindestens 7 Jahre im Amt bleiben?

Rüttenauer: Nein, eigentlich weiß ich gar nicht, wie lange ich nach einer etwaigen Wahl im Amt bleiben würde. Eines meiner ersten Ziele ist ja eine Satzungsänderung, die die Urwahl des DFB-Präsidenten durch die in den Vereinen organisierten Mitglieder möglich macht. Einer solchen Wahl müsste ich mich alsbald ja stellen. Ob ich die gewinnen würde, weiß ich natürlich nicht  Den langen Zeitraum habe ich auch deshalb gewählt, weil im Manifest ehrgeizige Ziele formuliert sind. Den Fußball als angstfreien Bereich zu organisieren, ist sicher nicht einfach.

Frage an den Journalisten Rüttenauer: Was würde sich an der Kommunikationspolitik des DFB mit ihnen an der Spitze ändern?

Rüttenauer: Es muss möglich werden, sich mit Fragen direkt an die Funktionäre des DFB wenden zu können. Diese sollten über genügend Kompetenz verfügen, selbstverantwortlich den Kontakt mit der Presse zu pflegen. Die Pressestelle sollte nur noch eine vermittelnde Rolle einnehmen. Die irrwitzige Autorisierungspraxis des DFB, der keinen Halbsatz ohne das Placet der Pressestelle zur Veröffentlichung freigibt, muss sich dringend ändern. Insgesamt ist viel mehr Transparenz angezeigt. Präsidiumssitzungen sollten auch mal öffentlich stattfinden. Und warum soll niemand erfahren, wie beispielsweise darüber entschieden wird, wer welches Spiel pfeift.

Genehmigen sie uns einen Blick in ihren Terminkalender? Welche wichtigen Termine stehen in der kommenden Woche an?

Rüttenauer: In der kommenden Woche werde ich die Briefe formulieren, mit denen ich mich an die Mitgliedsverbände des DFB wende. Das wird übrigens nicht auf taz-Briefpapier geschehen. Zudem werde ich versuchen, Wolfgang Niersbach zu einem öffentlichen Meinungaustausch zu bewegen. Vielleicht gelingt es mir auch, ein Pressegespräch zu organisieren. Leicht wird das alles nicht, denn nebenbei muss ich ja noch meiner Arbiet nachgehen.

2 Kommentare zu "DFB-Kandidatur – Wie ernst meint es Andreas Rüttenauer?"

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