Bauernopfer beim Team Astana und die Rolle der UCI [Update]

27.08.

Vor einigen Tagen sorgte ein Artikel der L’Équipe für Aufregung im Team Astana und beim Radsportweltverband UCI. Die französische Sporttageszeitung deckte ein Regelverstoß im kasachischen Team auf. Durch den Transfer von Kashechkin erweiterte Astana seinen Kader mitten in der Saison auf 29 Profis, laut UCI-Reglement einer zu viel. Dieser Fehler wurde erst durch das französische Medium öffentlich und löste eine fragwürdige Kettenreaktion aus, die ich hier inklusive Vorgeschichte dokumentieren möchte:

10.07.
Auf der 9. Etappe stürzt Alexander Winokurow einen Abhang herunter, muss aufgeben. Spätere Diagnose: Bruch im rechten Oberschenkel.

17.07.
Astana gibt in einer Pressemitteilung das Karriereende von Winokurow bekannt und zitiert dabei den Fremdblutdoping-Spezialisten: “I think I won’t back on a bike as a professional. I’ll stop now. We will try to find a new role in the Astana team for me. “

01.08.
Wenige Wochen vor dem Start der Spanien-Rundfahrt kündigt Astana-Direktor Dr. Makhmetov einen Mid-Season Transfer an. Als Kapitän für die Vuelta soll Andrey Kashechkin von Lampre zurückgeholt werden: “He would ride for free the 2011 season with us and be engaged for 2012 and 2013.” Einen Tag später wird der Vertrag offiziell. Auch Kashechkin weist wie Winokurow eine Fremdblutdoping-Vergangenheit auf, wurde 2007 ebenfalls für Astana fahrend beim Training erwischt und von der UCI für zwei Jahre gesperrt.

Durch den Transfer umfasst der Astana-Kader zu diesem Zeitpunkt 29 Fahrer. Das UCI-Reglement erlaubt bei einem ProTour Team ohne Neo-Profis aber nur 28 Fahrer. Die Kasachen begehen einen schwerwiegenden Regelverstoß, der noch bis zum 24. August anhalten soll. Warum wichtig? Aus den Ergebnissen der Fahrer setzt sich das UCI WorldTour Ranking der Teams zusammen. Aus dieser Rangliste werden die ProTour Teams für die kommende Saison definiert. Ein Fahrer mehr in der Wertung kann entscheidenden Einfluss auf eine Qualifikation des Teams für die Toprennen in der kommenden Saison haben.

19.08.
Die UCI bemerkt nach knapp 3 Wochen (!!!) den Regelverstoß und bittet Astana um eine Stellungnahme. Laut Pressesprecher Enrico Carpani (siehe Velonation) hätte Astana bis dahin korrekt gehandelt, wenn Winokurow tatsächlich seine Karriere beendet hätte: “The situation is that the UCI did accept Kashechkin as the 28th rider of the team, bearing in mind that Mr Vinokurov was retiring. A few hours later, Vinokourov said ‘I think I am coming back’. In that case, Astana were not within the rules as they had a 29th rider. It is not our mistake, as L’Equipe wrote, because we trusted Vino when he said that he will retire. On Friday night, the UCI wrote a letter to the Astana team saying that they are not following the rules and that they need to correct the situation.“ Konsequent handelte der Weltverband allerdings nicht. Sonst hätten sie sofort Winokurow von der offiziellen UCI-Weltrangliste entfernen müssen, was sie nicht taten.

21.08.
Der Fall wird durch einen Artikel in der L’Équipe öffentlich.

21.08.-22.08.
Über Nacht verschwindet laut einer Beobachtung von inrng der Astana-Fahrer Roman Kireyev von der UCI-Website. Im Klartext: Der Kasache verliert seinen Pro-Fahrerstatus, da er aus sämtlichen UCI-Wertungen genommen wird. Der Kader der Kasachen, Winokurow mit- und Kireyev rausgerechnet, umfasst nun wieder regelkonforme 28 Fahrer.

22.08.
Überraschend gibt Winokurow sein Comeback bekannt, welches offensiv von seinem Team mit einer Pressemitteilung inklusive Foto vom ersten Training kommuniziert wird. In einem ersten Statement nennt der ehemalige T-Mobile Profi als einen Grund für seine Rückkehr die UCI-Wertung, in der er weiter für Team und Nationalmannschaft punkten will: “I may compete for Tour de Lombardie, which is the last race of the season and could be the last race to end my career. This would be also a last occasion for me to contribute to increase the UCI points of Pro Team Astana and for the Kazakh Federation, in anticipation of the selections for the Olympic Games.”



Fakt: Die UCI hat sich zum zweiten Mal von einem vermeidlichen Rücktritt Winokurows verschaukeln lassen. Das erste mal 2007, als er mit einem Karriereende-Fake eine Verkürzung seiner Doping-Sperre erreichen wollte.

24.08.
In einer am 24. August versendeten und als Datum 25. August verzeichneten Pressemitteilung gibt Astana das Karriereende von Roman Kireyev (Foto: Facebook-Page Kireyev) bekannt: “On Friday, 19. August 2011, the rider of Pro Team Astana Roman Kireyev informed the management of Pro Team Astana about his decision to finish his career as professional cyclist. This information wasn’t unexpected for the management of the team, because Roman already discussed this step with sport directors few months ago. Roman explained that he suffered too much from his back injury, which he got last year, and this situation had became unbearable to him. Pro Team Astana informed about this case UCI, which confirmed the reception of the contract resignation on Monday, 22.August 2011.” Diese Pressemitteilung erklärt den Ausschluss von Kireyev aus der UCI-Rangliste, aber nicht, warum diese Kaderänderung erst drei Tage später offiziell kommuniziert wurde.



Zusammenfassung
Ich habe in den letzten Tagen bei allen Beteiligten (Astana–> Pressesprecherin Blandine Roquelet, UCI–> Tobias Friedrich und Kireyev himself) um eine Stellungnahme gebeten, aber von niemanden ein Statement, gar eine Rückmeldung, bekommen. Die Verpflichtung eines zu keinem Zeitpunkt geständigen Dopingsünders bestätigt die nicht vorhandene “Anti-Doping” Politik der Mannschaft Astana. Mit dem Transfer scheint das Team zudem mit allen Mitteln ihre Positionierung in der Weltrangliste halten zu wollen. Die UCI hätte das Recht dieses illegale Vorgehen zu unterbinden, scheint es aber tatsächlich zu unterstützen. Es wurden scheinbar gemeinsam Wege gesucht, um den 3-wöchigen Regelverstoß wieder gerade zu biegen. Der Radsportweltverband agiert in anderen Fällen, beispielsweise dem Funkverbot, absoult hierarchisch, lässt aber in diesem Fall jegliche Gerechtigkeit und Konsequenz vermissen.

[Update 28.07.]
Was ich gestern unerwähnt ließ. Hätte Alexander Winokurow tatsächlich seine Karriere beendet oder wäre er von einer konsequenten UCI gesperrt worden, würden Astana 230 Punkte im UCI WorldTour Ranking fehlen und die Kasachen würden ohne einen Krachertransfer im kommenden Jahr definitiv ohne ProTour-Lizenz dastehen.

5 Kommentare zu "Bauernopfer beim Team Astana und die Rolle der UCI [Update]"

  1. Schön! Ich glaube aber, dass mehr Leute den Text lesen würden, wenn du die fragwürdige Rolle der UCI und die lächerlichen Windungen von Astana ganz oben direkt als Teaser reinknallst. Mach mal ein Interview mit Bauernopfer Kireyev, die arme Sau. 24 Jahre und schon abgesägt.


    • Danke DD! Genau darüber habe ich nachgedacht und mich geärgert. Die Überschrift war viel zu soft, traf es nicht wirklich. Nun habe ich sie aber aktualisiert.


  2. sehr interessanter beitrag! bleibt nur die frage: wo ist der octopus? mir fehlt ein bisschen die belustigung…

    (oh, wie er mich jetzt wieder für meinen unseriösen kommentar chassen wird… “sorry”!!)


  3. Bauernopfer trifft es ganz gut. Astana und die UCI. Dabei war ich einst ein großer Fan von Wini. Er hat immer einen Angriffsgeist gezeigt. Irgendwann hat er glaube auch die letzte Etappe in Paris bei der Höllentour gewonnen.Fremdblutdoping-Spezialisten… da verfiel ich einst dann in die Schnappatmung. Andererseits konnte ich mich auch dieses Jahr der Restfaszination Tour nicht entziehen… Normal muss man eigentlich so eine Sportart links liegenlassen. Doch dann müsste man sich faiererweise wohl generell vom Sport verabschieden.

    Nun noch ein paar worte zur UCI. Die UCI bemerkt einen Regelverstoß nach knapp 3 Wochen. Aufgeweckte Geister, Wahnsinn. oder darf dahinter Methode vermutet werden?!


  4. Pingback: Erste Torte: www.jonathansachse.de | Jonathan Sachse

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