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Das ungenutzte Social Potenzial im deutschen Profifußball, Teil 2: Vom Radsport lernen

1.06.

Tagsüber in der Gruppe unterwegs. Am Abend einsam im Hotelzimmer. Der Radsportler führt auch in kommunikativer Hinsicht ein zweigeteiltes Leben. Klar so ganz alleine unterwegs ist er auch nach Abschluss einer Etappe nicht. Schauen doch der Masseur, Zimmergenosse, Manager, die Blutzentrifuge oder der Dopingkontrolleur gelegentlich vorbei. Dennoch am Abend wird der Chill-Out Modus aktiviert. Oder um es mit den Worten von Jens Voigt zu sagen:


“The first thing you do in a hotel room: TV check. Everything else you do with your eyes on the TV. Otherwise you’ll never be a good rider.”


Dieses Zitat stammt aus der wunderbaren PR-Dokumentation Overcoming. Ersetzt man zeitgemäß das Wörtchen TV durch Smartphone, besitzt Voigts Aussage sieben Jahre später die selbe Gültigkeit. Egal ob im Mannschaftsbus, auf der Massagebank, im Hotelbett… The first thing you do is Smartphone. Und auf deinem Smartphone nutzt du Twitter. In keiner anderen Sportart nutzen die Athleten so umfangreich, beinahe flächendeckend, die Zwitscher-Kommunikationsplattform. Warum twittern ausgerechnet die Radsportler? Meine Theorie setzt sich aus einem Dreiklang zusammen: Sie haben Zeit. Sie wollen ihr Image aufpolieren. Sie dürfen.


Lange ausgeholt, kommen wir zum Grundgedanken dieses Blogeintrages und endlich zur Fortsetzung meiner Blogreihe, in der das ungenutze Social Potenzial im deutschen Profifußball aufgezeigt werden soll. Heute werden die Rollen getauscht. Der gute Fußball darf vom Radsport lernen. Nicht rot werden Mr. Quaid, Papa Blatter bleibt dir dennoch in allen Belangen voraus.


Bislang twittert kaum ein Bundesligaprofi. Die wenigen Ausnahmen (1, 2, 3, 4…), liefern bislang kaum Mehrwert und machen wenig Spaß. Die Athleten verpassen eine enorme Chance, ihr Image aufzubessern respektive Beliebtheit/ Werbewert/ Sexfaktor etc. zu erhöhen. Am Beispiel Radsport will ich in drei Kommunikationsebenen die Möglichkeiten aufzeigen, die Twitter den Profisportlern bietet:


1. Pro to World Communication
Waren das noch schöne Zeiten, als Lukas Podolski ohne Medienschulung seine ersten Interviews stammelte. Oder Stefan Effenberg frei Schnauze sein begrenztes Wissen vor der Kamera entfaltete. Twitter bietet die Möglichkeit wieder authentische Sportler zu erleben. Hier kürzt maximal die Zeichenbegrenzung. Auswendig gelernte Standardformulierungen sind tabu. Natürlich nur mit der Transparenz, die er zulässt, aber eben in seiner eigenen Art.


Im Radsport ist der HTC-Sprinter Mark Cavendish so ein Typ, der sich gerne frei Schnautze auf Twitter zu Wort meldet. Im Screen seht ihr ein aktuelles Beispiel vom diesjährigen Giro d’Italia, indem er sich über die Kritik an seinem harten Sprintfahrstil aufregt:





Wer sich über Twitter freiwillig zu Wort meldet, hilft auch den Durst der Medienöffentlichkeit nach Informationen zu stillen. Der BILD-Reporter muss nicht zwingend 24h am Trainingsplatz rumlungern, um seine tägliche Vereinsgeschichte zu reimen. Ein interessantes Statement übers Netz liefert ihm unter Umständen genug Inspiration. Der Profisportler als Berater und Lenker des Boulevards, welch grandiose Perspektiven für einen Profisportler. Ich gebe zu, ist ein wenig übertrieben.


2. Pro to Pro Communication
Eine gewisse boulevardeske Neigung tragen wir leider alle in uns. Wenn die Möglichkeit bestehen würden, in der Halbzeit in die Umkleidekabine reinzuhören, würde wohl kaum einer die Ohren verschließen. In der öffentlichen Kommunikation zweier Athleten via Twitter wird uns diese Gelegenheit geboten. Man lernt schon nach kurzer Zeit bestimmte Freundesstrukturen via Twitter kennen, solange man beide Parteien durch seinen Newsfeed laufen lässt. Wer wusste beispielsweise, wie dicke möchtegern Schweizer Andi Klöden mit F1-Pilot Timo Glock steht?








3. Pro to Fan Communication
Außerhalb der digitalen Welt kann sich ein Fan kaum mit seinem Idol austauschen. Nur wer wirklich Einsatz zeigt, hat die Möglichkeit am Trainingsplatz, beim Fanclubtreffen oder in der Stadionrunde ein Statement seines Athleten zu entlocken. Der Faktor Zufall bleibt eine undefinierbare Variable.


Viele Radsportlern kommunizieren deutlich offensiver mit ihren Fans. Nehmen wir Jonathan Vaughters, den Teammanager des Garmin-Cervélo Rennstalls, der in einem regen Austausch mit seinen Followern steht und das bei einer respektablen 20.000er Followerzahl. Regelmäßig antwortet er auf Fragen. Für diesen Blogartikel habe ich den Praxistest gemacht und es Vaughters zugegebenermaßen leicht gemacht, indem ich ihm Honig ums Maul geschmiert habe. Die Antwort war kurz, kam aber postwendend:








Natürlich existieren grundlegende Unterschiede, die einen direkten Vergleich der beiden Sportarten Fußball und Radsport nicht zulassen. Allein aus finanzieller Sicht handelt es sich um zwei Welten. Was bei den Radsportlern auf Twitter funktioniert, ist auf die Fußballer nicht 1zu1 anwendbar. Weniger Kontrolle und mehr Mut und Freiheit seitens der Vereine und Spielermanager würde aus meiner Sicht das Image vieler Jungs verbessern. Mein Wunsch zusammengefasst: Weniger Roboter, mehr Mensch.


Abschließend noch zwei Links:
Meine Cycling-Following-Liste auf Twitter
Zum ersten Teil dieser Serie – re:publica learnings

6 Kommentare zu "Das ungenutzte Social Potenzial im deutschen Profifußball, Teil 2: Vom Radsport lernen"

  1. Hammer, Jonathan! Der Artikel hat mir richtig gut gefallen, weiter so :) Ich weiß, die Zeit ist knapp, aber das hier ist super gut geschrieben und beschreibt die “Problematik” ziemlich genau.


  2. Sehr treffend formuliert, Jonathan. Im übrigen können die meisten Fußballtrainer auf Profiniveau aus meiner Sicht eine Menge von den Kollegen anderer Sportarten lernen. Dort werden seit Jahrzehnten “moderne” Erkenntnisse aus den verschiedenen Bereichen der Trainingslehre, Psychologie oder Teamentwicklung angewendet.


  3. @Niclas: Vielen Dank. Ja die gute alte Zeitfrage, damit schlägt sich jeder Blogger mit Berufsleben rum. Allein dieser Artikel stand 2 Wochen angeschrieben in meiner to-do Liste.


    @Oliver: Stimme dir total zu. Besonders in deinem Bereich, dem Volleyballsport, wird unglaublick akribisch ausgewertet. Bei der von mir angesprochen Social Media Thematik haben die Fußballvereine einfach viel zu viel Angst. Wo viel Geld drin steckt, kann auch viel Geld verloren gehen, denken sie sich. Durch Transparenz wird aber niemand untergehen.


  4. Vom Radsport lernen…

    Managementtrainer Dr. Reinhard Spreng sagt in einem Hörbuch so schön: Der Tod des Glücks ist der Vergleich

    Der deutsche Fußball ist provinziell, auch wenn Sportschau und Kicker anderes offerieren wollen. Warum sollten dann die Protagonisten in den kurzen Hosen über den Tellerrand schauen?

    Andererseits gibt es, nimm nur die Website von Jan Ullrich, auch Magerkost. In seinem Tagebuch sind dieses Jahr ganze 4 Einträge zu finden vom 24.01./ 15.04./ 10.05./ 31.05.

    Also alles halb so schlimm. Die Radsportler haben oft ja nicht diese Präsenz in den Medien. Zu Hochzeiten von Jan Ullrich, Andreas Klöden oder Erik Zabel natürlich eine ganz andere Nummer. Doch die momentane Medienaufmerksamkeit ist eher lau…Siehe auch das Vorwort im aktuellen Procycling Heft.

    Da kann das eine oder andere gezwitscherte von einem Radprofi ein wenig Aufmerksamkeit zumindest über diesen Nachrichtenkanal versprühen.


  5. Wirklich Super! i like it! Wo ist denn der Facebook-Like-Button?


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