Das Schiff des Torjägers Jonathan Akpoborie

9.11.

Gestern Abend hatte ich die Gelegenheit die Kino-Premiere der Dokumentation “Das Schiff des Torjägers” in Berlin anzuschauen. Gleich vorneweg: Schaut Euch diesen Film an, es lohnt sich wirklich. Der Regisseurin Heidi Specogna ist es gelungen völlig unparteiisch den komplizierten Fall rund um das “Sklavenschiff Etireno” zu betrachten. Sie verzichtet auf eigene Kommentare, lässt die Bilder und Protagonisten für sich selbst sprechen. Der Zuschauer ist gezwungen das Gesehene eigenständig einzuordnen, was nicht leicht fällt. Ich war wahrscheinlich nicht der Einzige, der seine Meinung in den gut 90 Minuten mehrfach geändert hat, bereits verschlossene Schubladen neu öffnete.

Kinopremiere

Zum Hintergrund des Films: Im Jahr 2001 sorgte die Hilfsorganisation terre des hommes mit einer Mitteilung über das tagelang verschwundene Transportschiff “Etireno” für Schlagzeilen. Das Schiff wurde zunächst als vermisst gemeldet, wurde nach einigen Tagen dann doch im Hafen von Gabun von der UNICEF empfangen. An Board befanden sich hauptsächlich Kinder, wozu sich der Sprecher der Hilfsorganisation damals folgendermaßen äußerte:

“Die Befragungen der Kinder legen den Verdacht nahe, dass es sich um Kinderhandel handelt. Es kann natürlich gut sein, dass der Besitzer des Schiffes Tausende Kilometer davon entfernt nicht weiß, was da passiert”

Der Besitzer des Schiffs, Jonathan Akpoborie, spielte zu dieser Zeit beim VFL Wolfsburg und gehörte mit 61 Toren in 144 Spielen zu den fest etablierten Bundesliga Stürmern. Für den Nigerianer bedeuteten diese paar Zeilen das plötzliche Karriereende als Fußballprofi. Die deutschen Medien griffen die Worte auf (Beispiel BZ), dichteten, interpretierten, schrieben wild voneinander ab. Der Ruf von Akpoborie war innerhalb weniger Tage zerstört. Der Hauptsponsor der Wolfsburger, Volkswagen, sah sein Image gefährdet, wurden doch mehrere Projekte für Straßenkinder gemeinsam mit terre des hommes betreut. Der Konzern bestand auf die sofortige Auflösung des Vertrages.

Nun geht der Film deutlich weiter, behandelt nicht primär den Fall Akpoborie. Der Skandal um das Sklavenschiff gilt mehr als Aufhänger. Es geht um Handelsabläufe, Waren, die je nach Ort und Kultur unterschiedlich viel wert sind. Vom Handelsgut Stahl bis hin zur Ware Mensch. Heidi Specogna hat ihre Gedanken niedergeschrieben, besser als sie kann ich es gar nicht ausdrücken. Pflichthintergrundlektüre!



Nach der Präsentation hatte ich die Gelegenheit mich mit meinem Namensvetter auszutauschen. Ich war verdutzt, als er mir erzählte, dass er während des Drehs von Hedi Specogna nicht über die Hintergründe der Dokumentation informiert wurde und den Film und dessen Intention erst bei einer Filmfestival-Premiere zu Gesicht bekam. Und auch seine Motivation den Premierenfeiern beizuwohnen konnte ich zunächst nicht nachvollziehen. Schließlich handelt es sich bei “Das Schiff des Torjägers” um keinen Akpoborie Imagefilm. Handfeste Beweise für seine Unschuld liefert er nicht. Aber es wird ebenso kein Indiz dafür geliefert, das die Vorwürfe für eine Verstrickung des ehemaligen Bundesligastürmers in Menschenhandelsgeschäfte bekräftigt. Hinzu kommt seine Leidenschaft, mit der er nun um Aufklärung bemüht ist, besonders in diesen Tagen der Premieren-Auftritte. Er gesteht dabei glaubwürdig Fehler ein: So hätte er sich schon damals offensiver für eine Aufklärung der genauen Vorkommnisse in Benin, Togo und Nigeria bemühen müssen und sich als Mitbesitzer des Schiffes aktiver ins Geschäftsleben einmischen müssen.

Mittlerweile ist Jonathan Akpoborie als Player Agent für die weltweit tätige ROGON Sportmanagement GmbH unterwegs. Er will jungen afrikanischen Talenten den Sprung nach Europa ermöglichen. Zurück zu den Wurzeln gewissermaßen. Vier bis fünf Spieler hat er bisher unter Vertrag. Ob ihm die Promo des Films auch bei seiner Managementkarriere hilfreich sein könnte, beantwortet er nur mit einem Lächeln.

7 Kommentare zu "Das Schiff des Torjägers Jonathan Akpoborie"

  1. Ich will den Film auch sehen. Steht schon fest, wo der läuft?


    • In Berlin läuft der Film ab dem 2. Dezember im Kino Babylon. Ansonsten gibt es hier eine Übersicht http://bit.ly/a0T2vu – allerdings scheint der Film nicht bundesweit zu laufen. Durch die Förderung von ARTE/ ZDF wird er aber irgendwann im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu sehen sein.


  2. zwei fragen:
    1. wieso besaß denn j. a. das boot überhaupt?
    2. jonathan akpoborie – da waren doch christliche missionare am werk?


    • Nun gut Frage 1 kann ich Dir beantworten. Er hat sich sogar 2 Schiffe gekauft und diese von Skandinavien nach Nigeria schiffen lassen. Der Strandwächter in der Doku spricht von den mit Abstand besten Schiffen auf dieser Route. Akpobories Familie hat die Gefährte dann auf der Handelsroute bedient und J. A. zog sich zurück.


  3. slightly disappointed my questions haven’t been answered. but hey. community management is for pros only.


  4. Oh, Eure Majestät, König Sarkasmus, ist beleidigt…


  5. ich habe johnny versprochen, keine flame-wars auf seinem blog auszutragen. so i shall be silent.


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